"
eine stufe tiefer - und die verfremdung ergreift uns: die wahrnehmung,
daß die welt <dicht> ist, die ahnung, wie sehr ein stein
fremd ist, undurchdringbar für uns, und mit welcher intensität
die natur oder eine landschaft uns verneint. in der tiefe jeder
schönheit liegt etwas unmenschliches, und die hügel, der
sanfte himmel, die konturen der bäume - sie verlieren im augenblick
den trügerischen sinn, mit dem wir sie bedachten, und liegen
uns von nun an ferner als ein paradies. die primitive feindseligkeit
der welt, die durch die jahrtausende besteht, erhebt sich wieder
gegen uns. eine sekunde lang verstehen wir die welt nicht mehr:
jahrhundertelang haben wir in ihr nur die bilder und gestalten gesehen,
die wir zuvor in sie hineingelegt hatten, und nun verfügen
wir nicht mehr über die kraft, von diesem kunstgriff gebrauch
zu machen. die welt entgleitet uns : sie wird wieder sie selbst.
die gewohnheitsmäßig maskierten kulissen werden wieder,
was sie wirklich sind. sie rücken uns fern. " *
* Camus " Verfremdung "
im wind, im wasser, im grunde in der luft hängen. den funken
in der asche aufstöbernd. aus vollem halse in den ruß
blasen. stillschweigend spüren: ich war es, der frierend ein
feuer entfachte. ich war es, der steine aneinander schlug, winzige
leuchtpunkte mit unbeholfener hand zu fangen suchte. tönerne
laute. verglimmende helle, die blendet, verstört. einigen wir
uns darauf: ich bin nicht ich - längst nicht mehr. nimmermehr.
wie aber, wenn ich es nochmals zu sehen vermöchte?
die spur - wohin?
nonstop flug: was wäre, um die angst vor den falschen wörtern
zu bannen ( worauf sei er angewiesen? ), im fall des falles zu tun?
knie anziehen, kopf in den schoß legen und beten? hoffen,
daß man heil ankomme? er habe keine angst vor´m fliegen.
selbst wenn´s so richtig im karton gerappelt hat. er genoß
den kurzen schub - gedankenlos -, zu fühlen, er hänge
wohl doch noch am lebensfaden. solange einer noch angst verspüre,
wäre seine zukunft noch möglich. die wahre katastrophe
entstehe im kopf. zuverlässigkeit: von der art, wo ein mensch
davon ausgehe, daß noch kein grund zur panik bestehe. trügerisches
dudeln. falsche frequenzen im ohr.
verstörend! nicht, daß er katastrophen herbeisehne. die
klaustrophobie sei, wenn er es recht erachte, nur dort noch sein
problem, wo menschen punktuell strömen. wenn ein raum übervoll
sei, keine kante frei, tausend und keine schwingung. dann überflute
ihn nackte gewißheit: geliefert sein! schrecklich! erst unter
solchen umständen überfalle ihn panische angst. wenn er
eingekeilt sei, zwischen menschlicher zuverlässigkeit. die
alles überrolle, fortschwemme, einfach erdrücke, niedermache.
wo jeder einzelne von der gewöhnung ausgehe, was in unmittelbarer
nähe noch als gesicht erkennbar sei, wäre identisch mit
menschlichem antlitz. augen, die man anfangs noch vereinzelt aus
der menge herauszulösen imstande sei, die aber von einem moment
zum anderen, wild aufflackernd, entseelt, zwischen sich drängelnden,
stürzenden leibern wie ausgelöscht sind. körper,
die nur als rümpfe sich bewegen können. gestauchte emotion.
masse mensch. zappelnde arme, die wie fische im netz hängen
und nach luft schnappen. keinen durchschlupf finden. rollende mechanik.
gnadenlos verselbständigt. anker, die nicht gelichtet sind.
wie da herausgezogen werden? vom rettenden griff nach den sternen?
von gottes ohr?
allerlei sei noch annähernd ähnlich. winzige partikel,
die hin und wieder seltsam unvermutet ins auge springen. ja, so
wäre die schwierigkeit, sich zu retten. nicht länger in
worten zu stochern. zu wühlen in staubigen annalen. dinge anfassen,
die zerfallen. bakterieller makrokosmos. etwas, das nistet im mund,
im auge, im ohr. unsichtbar klein. lebewesen, denen vor der netzhaut
deiner augen nicht bange wird. denen eine träne groß
ist wie ein tümpel, ein teich, ein see, ein ozean. tränenflüssigkeit
wird automatisch abgesondert. ob ohne oder mit scheu. nicht diese
wörter sind schuld. an den rändern schwelt eine glimmende
linie, noch nicht von luft umspielt. erstickt vielleicht, zu früh
rasch hochgezogen in den wind. ein ding, so leicht, daß es
den kurzen weg vom boden bis zur stirn steige. bis wiederum - ausgebrannt
- nur asche, fast ein nichts, die krümel einer kargen phantasie
zerfallen sind? sag, was siehst du? wenn du an nichts zu denken
dich bemühst? horche hinein, in den leeren raum. es summt,
schwirrt aus und flimmert vor den gräsern. es netzt den takt
der gebeine. es frequentiert den kosmischen staub. ob du ihn aufmischst,
ob es dich treibt oder nicht, der verdruß ebenso wie die freude
kümmert den kasus nicht. bist du noch da? fast hörte ich
das nichts in deinen fingern rauschen. es klappert, die spitzen
der finger malen körnige geräusche.
pore, falte, kalter schweiß. in ohren wachsen derweil schneller
die haare. und in der nase auch. es juckt dich der bauch, sobald
du dich zu bett gelegt? reibst du dich, wie auch die kreatur es
tut, am nächstbesten baum? nimmst du die eichel in die hand?
eregiert just das glied? ruhst du entspannt? läßt du
wasser nur im stehen? urinierst du etwa an jeder beliebigen ecke?
kackst du wie ein köter? wischst dir den arsch mit welkem laub?
sträuben sich dir nicht die haare, wenn der kalte frost im
freien dir um die lenden pfeift? nein, so sei es nie gewesen. obwohl
er verzweifeln könne. hundert jahre sind vergangen, seit er
zuletzt einen zärtlichen mund geküßt. tausend tage
lag niemand neben ihm wach. sehr lange keine scham gespürt.
so oft er auch gefühle solcher art noch ahnen werde, allein,
wenn ihm die aussicht reiche, daß ihn dabei die sehnsucht
treibe, so wär´ er sich der zahmen phantasie durchaus
bewußt. bilder, nicht mehr. allein! die sehnsucht eregierend.
organische anatomie überlasse er den wissenschaften. käufliche
liebe denen, die davon leben können. seine neugierde ( in jungen
jahren war dies kaum anders als heute ) galt der tatsache, zu wissen,
daß er von huren schon erkannt sei, bevor er sich selbst erkannte.
daß sie ohnehin hemmungslos aufs geld aus sind; und sehr wohl
wüßten, er sei einer, mit dem sie nur worte wechseln
müßten.
da er umgehend den widersinn solcher geschäftsbeziehung noch
klar im auge und im sinn habe, so lasse er es besser sein. denn
sich das wechselgeld herausgeben zu lassen, sei aberwitzig. es sei
denn, er könne mit großem schein in der luft herumwedeln,
um die hure zu ködern, deren gesprächsbereitschaft initiieren.
sie glauben machen, daß er geil genug sei, mit ihr in eines
der zimmer zu verschwinden. daß sie sich dann umso mehr ins
zeug lege, den geldschein ganz in ihre tasche wandern zu lassen.
blöde vorstellung, davon auszugehen, dort nur für das
zu zahlen, was man als angemessen erachte. in heller und pfennig
die kaufkraft von hand zu hand gehen, blättern zu lassen, beweise,
daß so ein mann keinen blassen schimmer habe, wie es im puff
sei. diese phantasie weiterhin auf die spitze treibend. in mancher
hinsicht wäre es zumindest vorstellbar, falls ein mann auf
nichts weiter scharf sei, als lediglich mal so zu tun als ob, um
der vorstellung sich anzunähern, wie der professionelle puffgänger
agieren zu können. dann allerdings wäre er arm dran. denn
die hure weiß immer schon viel mehr von ihm als er von ihr.
solange er den rahmen des möglichen nicht überschreite,
werde ihm für geld das geboten, was er bezahlen könne.
doch wünsche er, auch miteinander zu reden, um so die illusion
von nähe und eros herzustellen, dann allerdings wäre es
ratsamer, mit witz oder besonders großem schein zu bluffen.
doch auch solcher illusion sei das ende vorherbestimmt.
und wäre sie schön? er küsse nicht ihren mund, nicht
ihre haut, spüre nur ihre eiskalten worte. seltsam, daß
einst die illusion von nähe, bei wildfremden frauen, ihm nicht
die schamröte ins gesicht trieb. die seele aus dem bauch flattern
zu lassen, gelang ihm früher spielend. das gespräch war
eine begleiterscheinung. warum nur, warum? ist es sein trauriger
blick? sind es die falten auf der stirn? gelacht habe er früher
ja auch kaum mehr als heute. nicht öfter als einer, der nicht
ganz bei sich ist. einer, der zu wenig heiterkeit zur verschwendung
in petto hat. nein, ein geizhals oder pfennigfuchser sei er ja nie
gewesen. nur nicht bereit, mit dingen zu protzen, die einem doch
nicht gehören, solange sie auf pump angeschafft und die raten
noch nicht getilgt sind. nein, das wollte er nie. in ein solches
karussell habe er sich nur ein einziges mal (mehr oder weniger freiwillig)
hinein begeben. im grunde, wenn er es recht betrachte, habe er ja
früher auch oft nicht gewußt wohin. die menge geschriebener
sätze ist ja kein maßstab! das denken - woran? - geschehe
ganz einfach so, wie es ( aus mangel an zeit oder gelegenheit )
ansonsten auch igendwie im hirn herumspuke. geschrieben, womöglich
schwarz auf weiß ausgedruckt, sieht das nach einer menge arbeit
aus. ist es! die zeitraubenden, besonders anstrengenden passagen.
man schließe dabei nicht nur von der anzahl an wörtern
und seiten auf die mühsal des überdenkens und überschlafens
- des inneren kampfes. wo doch in jedem wort buchstäblich eine
kleine welt gefangen ist. an einem tag wird freigelassen, am anderen
und viele tage danach, wird wiederum so manches wort zurückgesperrt.
nach wochen, nach monaten, nach jahren vielleicht, wird ein text
begnadigt - und bleibt.
solange der wärter der wörter seine pflicht ausübe,
könne es geschehen, daß man sich aneinander gewöhne.
vertrauter miteinander, den täglichen routinegang am ende gar
nicht mehr bewußt wahrnehmend. der eine vor und der andere
hinter verschlossener türe; den gitterstäben ins auge
sehend. beide können sich sehr unfrei fühlen. nur: der
wärter kann, der gefangene aber muß bleiben.
bloß hatte er früher nicht halb so viel last mit der
lust oder unlust. der scheu, die ihm müde nun aus der seele
springe. die möglichkeit der illusion abwägend, sich fallenlassen
zu können oder zu wollen, sei allemal abwegig. man falle einfach
hin, stürze versehentlich. ohne hirngespinst fallen ihm nun
nicht mal die träume ein, die er noch habe. er sei sogar im
schlaf realist. zumindest erinnere er sich nicht. sobald er die
augen aufschlage, die augen ihn aufschlügen, umblättern,
wie ein buch, aus einst gelesenen tagen. wahrscheinlich war er nach
der ersten seite längst eingeschlafen. nein, wörter langweilen
ihn nicht. er denke dabei nicht an große worte, sondern an
einzelne wörter. wörterbücher können spannender
sein als schlechte romane. von sachbüchern lasse er ab. die
kleinste linie aber kann durchaus immer noch genauso spannend sein,
wie etwa der punkt, den man am ende eines satzes setzt. oder das
komma, sobald es gesetzt sei, hält es die fingerspitzen bei
laune. inzwischen wird es seltener verschoben. er lernte die regeln
seines abstrusen vorstellungsvermögens in buchstabenblöcke
zu packen. er denke so gern in der buchstabensprache. abstrakte
fisematenten. solcherlei gedankenwurmgänge bloßzulegen,
sei kein sinnloser zeitvertreib. denn man kann hier oder dort beteiligt
sein und keinen blassen schimmer davon erhaschen. was es heiße,
unbeteiligt in einer menschenmenge sich zu befinden, wurde schon
oft in worte gekleidet. doch was sind nackte tatsachen? sich selbst
widerlegend, streife ihn die imagination. nicht die nation, nicht
das arme deutschland, nicht der krähende hahn oder die gackernde
henne, nicht mal die schnatternde gans. nein, er rupfe nur die worte,
die sich mausern. rausgeflogen! er federe und fluse es. das gefühl
kann er getrost ganz nackt sein lassen. wenn ein weib mit blicken
ihn verschlingen möge, ihm stünde der sinn danach, daß
ihr lächeln ihn trüge. wenn er keine scham empfände:
die lust steige! nicht wissen wollen, warum es plötzlich wieder
schneller schlage, das herz.
"...selbst dieses herz, das doch meines
ist, wird mir immer unerklärbar bleiben." Camus
vermisse er ein lächeln? die verlorene zärtlichkeit, die
völlig unvermutet über ihn herfalle, ihn tiefer atmen
lasse. von strömender menschenmenge zugedeckt, straffen sich
unwillkürlich die körperteile. freier sei er derzeit nicht.
plötzlich ein lächeln. mitten im schritt, da guckte sein
brillengesicht! noch ehe er die gläser wieder zu justieren
vermochte, war dies wunderbare lächeln im getümmel verschwunden.
einige augenblicke weiter und er war wieder mit sich allein. im
winkel des linken armes klemmte etwas. in der mulde der anderen
hand hielt er sich fest an einer kugel, die zu klein war, sie als
wohltuend rund zu empfinden. nun denke er wieder, merkt er schmerzlich.
nun sei es wieder soweit, wörter zu trimmen, sich am kopf zu
kratzen. zwischen den zeilen bekümmert den boden nur zufällig
zu streifen. wohin, jetzt? immerhin habe er ja noch gefühle.
während er ( mit den blicken auf schrittweite ) sich selbst
als vollends überflüssig empfand. er presste eine weile
den atem wild entschlossen ins sonnengeflecht, das sich nicht auftat.
was er anzuhalten gedenke? daß es ihm immer noch notwendig
erscheine, sich einzubilden, er sei weder tot noch lebendig.
ein lautloser schrei. nebenan schlafen die nachbarn. er wohne in
einem totenhaus. eine totenstille sei in diesem haus das normale.
er stand auf, weil er hunger hatte. ging jedoch nur pinkeln. er
setze sich selbst dann hin, wenn er völlig unbeobachtet, ganz
allein sei. dort schien alleinsein harmlos, als normalisiertes bedürfnis
eines organischen kreislaufs. doch was bedeutet das noch? lebte
er mal mit 'ner frau zusammen, verwischte er sein geschlecht, die
täuschung, ja sich selbst. das geräusch eines unhaltbaren
furzes auf dem klo, das war zu dämpfen, der fall eines vereinzelten
tröpfchens aber verriet ihn - als mann! kann eine frau sich
je in die lage versetzen, seelisch, geistig, körperlich: männlichen
geschlechts zu sein? von anfang an, ein schwein unter schweinen?
selbst wenn! sollte man nicht stattdessen pissoires bereits in der
grundschule abschaffen? nun, will nur abschließend sagen,
sitzend tropft's auch. achtung sei mehr als ein wort !
solcherlei gedankensalat sogar buchstäblich zu fixieren, sei
annähernd vergleichbar dem, was man herauszuschälen suche,
diesseits und jenseits der schale vom ei. unter jeder haut liegt
zunächst wieder haut. die anatomie sei bekannt. doch es wäre
irgendwas, irgendwie ( von dieser oder jener seite des mikroskops
) und irgendwann immerzu verkehrt: zu groß, zu gewichtig,
zu klein oder zu nichtig.
nichts, das nur so ins auge gefaßt werde. schicht für
schicht bloß zu häuten. doch was? weißt du noch,
wo du gewesen warst, bevor das kribbeln der haut in den fingerspitzen
urplötzlich dich trieb? und zwischen jenem und diesen hingetasteten
buchstaben bist du geschlechtslos - im rauschenden fluß. etwas
aus wasser, blut und luft. für endlose augenblicke war eine
wundersame ahnung in den rand der wörter getrudelt. weißt
du, es tut nicht gut, das auszusprechen. laß die worte bilder
sein. nicht, um der vorstellung zu frönen, nun im bilde zu
sein - und umgekehrt. in zwischenräume fallen. in den rinnstein,
der nicht beachtet wird. wo als winziges schiff eine streichholzgroße
barke treibt. vom augenwasser in den sog aus zeit und raum ( winziggroß
und riesenklein ) getrieben. gedankenschwund des träumenden
realisten. um die gabe des staunens geprellt. du, weißt du,
so gesehen, kann der bordstein dir als unüberwindlich hohe
mauer, ja als felsmassiv erscheinen. während du selbst auf
dem floß - der seele des streichholzes - dahintreibst. anfangs
nur im rinnsal, nun bereits im reißenden strome. und unerhört
entgeistert ahnst du, spürst du wieder, wer du bist. jenseits
der mauern. aus deren ritzen zeit bröselt. du schweigst. treibst
hinein, in die wunde der anderen seite. wo horizont und wolken verschwimmen.
der blick, die gedanken - alles!