“Solange
man selbst redet, erfährt man nichts.” Marie
von Ebner-Eschenbach
D E R M O P S - E I N
H U N D E L E B E N
"man soll keine
schlafenden hunde wecken", bedeutet wohl, man sollte besser
nicht ins rollen bringen, was am ende unübersehbare folgen hat.
sie hatten damals einen
hund. der war nicht sehr groß, eher so eine art mops, klein, aber
zäh; wie der hieß, weiß er nicht mehr. kann sein, daß sie ihn einfach
nur hund nannten, da er auf zurufe ohnehin nicht reagierte. er ließ
sich nicht einmal dann streicheln, wenn er in seiner ecke lag. nach
all den jahren sieht er urplötzlich auch diesen hund wieder aus
dem dunkel der erinnerung auftauchen. sobald man mit ihm raus geht,
zieht der hund wie verrückt an der leine, reißt sich immer dann
los, wenn er wieder mal einen radfahrer sieht. es sind nur männer,
die er aus einem unerfindlichen grunde kilometerweit verfolgt, um
hin und wieder nach einem hosenbein zu schnappen. obwohl der hund
nicht bösartig ist. es liegt an seinem mopsigen temperament, daß
er jeden fremden spontan kläffend zu begrüßen pflegt. an diesem
tag hat er kein glück. als er wild herumwuselt, kommt er eines tages
ausgerechnet einem auto in die quere. dabei gibt es die weite wiese
und noch viele große unbebaute flächen, wo keine radfahrer, erst
recht keine autos fahren. im näheren umfeld wohnen meist nur arme
leute. und autos fahren dort damals nur vereinzelt vorbei. das auto,
von dem dieser hund unglücklicherweise angefahren wird, ist vom
typ goliath, ein dreiradauto - hintendrauf ein großer, silbrig gänzender,
metallischer aufbau. es handelt sich um einen milchwagen, der damals
die ortschaften und straßen abfährt. der milchmann macht sich mit
einer großen glocke bemerkbar, so daß man ihn mehrere straßen weiter
schon hören kann. leute - die es sich leisten können - kommen daraufhin
mit irgendwelchen gefäßen und bekommen die milch ganz frisch, mit
einem großen schöpfmaß, als viertel, halben oder auch ganzen liter
direkt in ihre mitgebrachten kannen abgefüllt. von diesem schweren
milchwagen wird der hund angefahren. doch dieser hund ist zäh -,
scheinbar nicht kleinzukriegen. noch bevor jemand so recht kapiert
hat, was da und wie es passiert ist, wuselt der hund schon wieder
herum, wenn auch mit eingezogenem schwanz, kleinlaut, kriecht er
unter dem auto hervor. er humpelt ein bißchen, ist aber sonst fidel.
der mops ist dreist. eines
tages läuft er wieder mal weg und hat dabei wahrscheinlich auch
das federvieh entdeckt. ungeachtet der gefahr, die im stacheldraht
und im besitzer der hühner lauert, hat er sich durch den zaun gequetscht.
dabei nimmt sein hundeleben doch noch ein gewaltsames ende. es wird
wohl so gewesen sein, daß der hühnerhalter ihn erschoß. er habe
seinem hund kein holzkreuzchen aufstellen können. denn dieser hund
endet tatsächlich in einem großen kochtopf.
eine kleine kugelige frau, eine der wenigen menschen, mit denen
die mutter hin und wieder überhaupt mal spricht, ist auf die absurde
idee gekommen, daß dieser tote hund doch noch zu etwas nütze sei:
indem er eine sehr üppige mahlzeit abgeben werde. diese frau hatte
es in der tat geschafft, die mutter zu überzeugen; es umgehend in
die tat umgesetzt. sie wohnt ganz in der nähe, nur ein paar straßen
weiter. sie gehen zu dritt zu ihr, die mutter, die schwester, er.
daß sie mal zu dritt unterwegs waren, hat seltenheitswert. noch
dazu sind sie gemeinsam zu einem essen eingeladen. nach jahrzehnten
sieht er sich, die mutter, die schwester, wieder auf dem weg zur
mahlzeit; er sieht die straße und die kleinen reihenhäuser mit kleinen
vorgärten und den treppenaufgang zum haus, sogar die küche. daß
es ihr mops war, den sie damals aßen, wußten die kinder nicht, sonst
hätten sie dieses fleisch wohl kaum gegessen. sie sitzen am tisch
und warten heißhungrig auf das essen. die frau schmeckt ab, leckt
sich genüßlich die lippen. er sieht wieder ihr gesicht und ihre
gestalt, ähnlich mopsig wie der hund, speckig und agil, glubschaugen,
kurze und fleischige arme. sie haben zuerst die fettäugige, dampfende
suppe gelöffelt. feierlich sodann, sogar mit messer und gabel, das
fleisch. sie haben sich ausnahmsweise mal richtig satt essen können.
nur die mutter nicht, meint er. die mutter hat sicher nur ein paar
kartoffeln und etwas salat genommen; sie wußte ja, daß es der eigene
hund gewesen ist, der auf den tisch kam. später gehen sie wieder
- eine etage - eine treppe runter. danach noch ein überdachtes treppchen
und dann über einige steinplatten. bis zum bürgersteig. vor den
häusern gibt es ein kleines mäuerchen, über das er damals öfters
gelaufen ist. sich wohl an die außerordentliche mahlzeit erinnernd,
hatte er später wiederholt versucht, die eingangslücken zu überspringen.